Selen 150: Die Vollversorgung
Selen ist ein essentielles Spurenelement, das in Europa chronisch unterversorgt ist. Die Böden in Mitteleuropa sind selenarm – und damit auch die Pflanzen, die darauf wachsen, und die Tiere, die sie fressen. Eine finnische Studie führte dazu, dass Finnland seit den 1980er Jahren seinen Düngemitteln Selen beimischt.
150 µg L-Selenomethionin
L-Selenomethionin ist die natürliche, organisch gebundene Form von Selen – wie sie auch in selenreichen Nahrungsmitteln vorkommt. Der Körper kann sie besonders gut verwerten und speichern. 150 µg decken den erhöhten Bedarf ab, den viele Ernährungswissenschaftler empfehlen.
Was sagt die Wissenschaft?
Schilddrüse: Selen trägt zur normalen Funktion der Schilddrüse bei – das Organ hat die höchste Selenkonzentration im ganzen Körper und benötigt selenhaltige Enzyme, um Schilddrüsenhormone in ihre aktive Form umzuwandeln. Zu Selengaben bei einer bestimmten Autoimmunerkrankung der Schilddrüse liegt darüber hinaus eine Meta-Analyse randomisierter Studien vor [1]. Sie betrifft eine ärztlich betreute Patientengruppe und ist kein Hinweis darauf, was das Produkt bei Gesunden bewirkt.
Immunfunktion: Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse experimenteller Humanstudien bestätigte, dass Selen die Immunantwort modulieren kann – ein essentielles Spurenelement für die körpereigene Abwehr [2].
Zellschutz: Selen trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Der Grund dafür ist biochemisch gut verstanden: Selen ist Bestandteil der Glutathionperoxidasen – Enzyme, die Wasserstoffperoxid und Lipidperoxide unschädlich machen. Ohne Selen können sie nicht arbeiten.
Selen trägt außerdem zur Erhaltung normaler Haare und Nägel, zur normalen Schilddrüsenfunktion und zur normalen Spermienbildung bei.
Zur Krebs-Studie von 1996: eine Einordnung
In vielen Texten über Selen taucht bis heute eine Studie aus dem Jahr 1996 auf, in der 200 µg Selen täglich mit einer niedrigeren Krebsrate einhergingen [3]. Diese Zahl sollte man nicht unkommentiert stehen lassen, denn die Forschung ist seither weitergegangen:
- Der Krebs-Befund war in dieser Studie ein sekundärer Endpunkt – untersucht wurde ursprünglich Hautkrebs, und genau dort zeigte sich kein Nutzen.
- Bei längerer Nachbeobachtung schwächte sich der Effekt ab. Gleichzeitig fiel ein erhöhtes Diabetes-Risiko bei Teilnehmern auf, die schon zu Beginn gut mit Selen versorgt waren.
- Die weit größere SELECT-Studie mit über 35.000 Männern konnte den Befund später nicht bestätigen.
Nach heutigem Stand gibt es keinen belastbaren Beleg dafür, dass Selenpräparate Krebs vorbeugen. Wer bereits ausreichend versorgt ist, hat von mehr Selen keinen Zusatznutzen – bei diesem Spurenelement liegen Bedarf und Zuviel ungewöhnlich nah beieinander.
Wie viel ist zu viel?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Schätzwert 70 µg täglich für Männer und 60 µg für Frauen. Die EFSA hat den tolerierbaren oberen Aufnahmewert 2023 auf 255 µg pro Tag für Erwachsene festgelegt – zuvor lag er bei 300 µg.
Das ist der Grund für den Hinweis auf Paranüsse weiter unten: Wer täglich 150 µg supplementiert und zusätzlich zwei Paranüsse isst, kann die Obergrenze bereits berühren. Anzeichen einer dauerhaften Überversorgung sind ein knoblauchartiger Atemgeruch, brüchige Nägel, Haarausfall und Magen-Darm-Beschwerden. Wer dauerhaft hoch dosiert, sollte den Selenstatus ärztlich bestimmen lassen, statt zu schätzen.
Die besten Nahrungsquellen sind Paranüsse (eine einzige kann bis zu 100 µg Selen enthalten), Fisch, Fleisch und Eier. Wer wenig davon isst, liegt schnell unter dem Bedarf – wer viele Paranüsse isst, dagegen schnell darüber.
Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine abwechslungsreiche Ernährung und keine ärztliche Behandlung. Wer eine Schilddrüsenerkrankung hat oder Schilddrüsenmedikamente einnimmt, sollte eine Selen-Supplementierung ärztlich abstimmen.
Wissenschaftliche Studien
Huwiler VV, Maissen-Abgottspon S, Stanga Z, Muehlebach S, Trepp R, Bally L, Bano A (2024)
“Selenium Supplementation in Patients with Hashimoto Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials”
Thyroid, 2024
Meta-Analyse randomisierter klinischer Studien zu Selengaben bei einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Betrachtet wurde der Verlauf der Schilddrüsen-Antikörper (TPOAb) über 3 und 6 Monate in einer ärztlich betreuten Patientengruppe.
Studie ansehenFilippini T, Fairweather-Tait S, Vinceti M (2023)
“Selenium and immune function: a systematic review and meta-analysis of experimental human studies”
American Journal of Clinical Nutrition, 2023
Diese systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse bestätigte, dass Selen-Supplementierung die Immunantwort modulieren kann – ein essentielles Spurenelement für die körpereigene Abwehr.
Studie ansehenClark LC, Combs GF Jr, Turnbull BW, Slate EH, Chalker DK, Chow J, Davis LS, Glover RA, Graham GF, Gross EG, Krongrad A, Lesher JL Jr, Park HK, Sanders BB Jr, Smith CL, Taylor JR (1996)
“Effects of selenium supplementation for cancer prevention in patients with carcinoma of the skin”
JAMA, 1996
Diese randomisierte, placebokontrollierte Studie von 1996 fand bei 200 µg Selen täglich eine niedrigere Gesamtkrebsrate – allerdings als sekundären Endpunkt; beim primären Endpunkt Hautkrebs zeigte sich kein Nutzen. Bei längerer Nachbeobachtung schwächte sich der Effekt ab, und die deutlich größere SELECT-Studie konnte ihn später nicht bestätigen.
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